Wie kann man interessant über die deutschsprachige Kultur berichten? Wofür ist diese Kultur weltweit bekannt, und was fasziniert ausländische TouristInnen aus den entlegensten Winkeln der Welt an den Bräuchen des deutschsprachigen Raums? Es sind die Bräuche rund um Weihnachten, die bereits in die Populärkultur eingegangen sind und auch von Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen als dem christlichen übernommen werden. Das Schmücken des Weihnachtsbaums, das Anzünden der Kerzen auf dem Adventskranz oder das weltberühmte „Stille Nacht” – das sind bekannte Elemente der reichen Advents- und Weihnachtsbräuche der deutschsprachigen Kulturen. Es gibt jedoch auch andere, wie zum Beispiel den furchterregenden Krampus oder den Brauch der Raunächte, der auch im Ermland (Warmia) präsent gewesen ist. Nur wenige Menschen römisch-katholischen Glaubens wissen, dass der Brauch, einen Weihnachtsbaum zu schmücken, aus dem protestantischen Glauben stammt und zuvor in den vorchristlichen Kulturen Europas verbreitet war. Aber was ist Protestantismus überhaupt und welche Zweige davon sind heute in Osterode (Ostróda) und Umgebung vertreten?

Zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Olga Żmijewska, Mitgliedern des Vereins der deutschen Minderheit „Tannen” in Osterode sowie dem Pastor der evangelisch-methodistischen Gemeinden, Waldemar Eggert, sprechen wir darüber im Rahmen des Projekts „Oh, Tannenbaum… Über Advents- und Weihnachtsbräuche im deutschsprachigen Raum? Das Projekt wird aus Mitteln der Selbstverwaltung der Woiwodschaft Ermland-Masuren finanziert.

Die Region Ermland und Masuren, in der wir unseren Sitz haben, war nach dem Zweiten Weltkrieg besonders stark von Zwangsumsiedlungen und Migration betroffen. Die Bevölkerung, die vor 1945 hier lebte, wurde größtenteils vertrieben oder floh bzw. wanderte im Laufe der Zeit aus. Diejenigen, die in der Region geblieben sind, gehören heute unter anderem zur deutschen Minderheit. Gleichzeitig haben die kommunistischen Behörden Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Südosten Polens zwangsweise in unsere Region umgesiedelt. Die Nachkommen dieser Menschen sind heute assimilierte Polinnen und Polen, aber Gespräche mit ihnen zeigen uns, dass die ukrainische Sprache und Kultur in diesen Familien – bereits in der dritten oder vierten Generation – weiterleben. Darüber hinaus kamen nach 1945 jedoch vor allem Menschen in die Region, die sich als Polinnen und Polen identifizierten. Sie besiedelten diese Gebiete teilweise freiwillig – beispielsweise aus Zentralpolen –, aber zu einem großen Teil auch infolge von Umsiedlungen aus den östlichen Gebieten Polens, die nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion fielen.

In der Reihe „Kultursalon”machen wir uns und anderen bewusst, dass die Menschen, die in unserer Region leben und sich als Polinnen/Polen identifizieren, zum großen Teil Nachkommen von Flüchtlingen, Vertriebenen und Migranten sind. Die deutsche Minderheit hingegen ist ein Überbleibsel der Bevölkerung, die hier vor 1945 jahrhundertelang vertreten war. Aufgrund ihres hohen Alters verlassen uns allmählich die Menschen, die sich an die Zeit vor 1945 erinnern. Die Erinnerung an die Zeiten ihrer Jugend in Ostpreußen verblasst. Wie unsere Erfahrungen aus der Arbeit mit Jugendlichen und Studierenden zeigen, sind sich junge Menschen in unserer Region nicht bewusst, dass unsere Region im letzten Jahrhundert zu einem anderen Staat gehörte und hier eine andere Amtssprache galt.

In Polen war es nicht immer möglich, über die eigene Identität, Geschichte und Erfahrungen zu sprechen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwangen die Behörden der Volksrepublik Polen den Menschen, die auf ihrem Territorium lebten, eine „einheitliche” Identität auf. Tausende Menschen durften nicht öffentlich über ihre nationale oder ethnische Zugehörigkeit sprechen, sie wurden gezwungen, ihre Muttersprache aufzugeben und die Erinnerung an ihre Wurzeln auszulöschen.

Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union fördert die Multikulturalität und das Sprechen darüber.
Das Motto der EU lautet „In Vielfalt geeint”.
Wie gut, dass heute in Polen jeder Mensch das Recht hat, verschiedene Facetten seiner Identität zu erkunden, ohne Repressalien wegen seiner Herkunft oder seiner Muttersprache befürchten zu müssen.
Nutzen wir diese Rechte und feiern wir sie!

In der Reihe „Kultursalon” popularisieren wir dieses Wissen und sorgen gleichzeitig dafür, dass es weitergegeben wird.
Die Advents- und Weihnachtszeit verbinden viele mit Geborgenheit, dem Beisammensein in warmen, gemütlichen Räumen, dem Anzünden von Kerzen, vielleicht auch mit dem gemeinsamem Singen von Weihnachtsliedern, Backen oder Basteln. Im Projekt „Oh, Tannenbaum…” machen wir all das gemeinsam und generationsübergreifend. Wir hören kurze Vorträge einer Kulturwissenschaftlerin (Olga Żmjjewska ist zweisprachig aufgewachsen und hat in Deutschland Kulturwissenschaften studiert) über Advents- und Weihnachtsbräuche im Oberland (der Region, zu der Osterode gehört) und auch in anderen deutschsprachigen Regionen. Diese kulturwissenschaftlichen Erzählungen werden durch Berichte von Zeitzeugen ergänzt, also von Angehörigen der deutschen Minderheit, die über ihre Familienerinnerungen und Erfahrungen rund um die Weihnachtszeit sprechen. Die Vorträge werden auf Video aufgezeichnet.

Im Rahmen des Projekts finden fünf Treffen statt. Vier davon sind für alle offen, ein Treffen ist eine geschlossene Veranstaltung für Mitglieder des Vereins der deutschen Minderheit „Jodły” in Ostróda.
Alle Veranstaltungen sind kostenlos. Hier sind die Termine und Themen der Treffen:

26. November, 16 Uhr. Haus des Vereins der deutschen Minderheit „Tannen” in Osterode, ul. Herdera 7 – Workshop: gemeinsames Binden eines Adventskranzes und Treffen bei Kaffee und Tee

2. Dezember, 11 Uhr. Haus des Vereins der deutschen Minderheit „Tannen” in Osterode, ul. Herdera 7 – gemeinsames Backen nach deutschen Rezepten von Tante Edith, Treffen bei Kaffee und Tee, kurzer Vortrag über Advents- und Weihnachtsbräuche in deutschsprachigen Kulturen; Erinnerungen von Hildegard Ziółkowska – Advent und Weihnachten im Oberland

Geschlossene Veranstaltung für Mitglieder des Vereins der deutschen Minderheit „Tannen”:
6. Dezember, 12 Uhr. Haus des Vereins der deutschen Minderheit „Tannen” in Osterode, ul. Herdera 7 – alljährliche Adventsfeier: gemeinsames Mittagessen, Auftritt der Kinder vom Samstagskurs, Weihnachtsliederkonzert in deutscher Sprache mit Magdalena Białecka (Klavier und Gesang), Treffen bei Kaffee und Tee, kurzer Vortrag über Advents- und Weihnachtsbräuche in deutschsprachigen Kulturen; Erinnerungen von Heinrich Hoch – Advent und Weihnachten in einer Familie aus Ermland

13. Dezember, 14 Uhr. Kapelle der evangelisch-methodistischen Kirche in Ostróda, ul. Sienkiewicza 22 – Adventstreffen bei Snacks, Kaffee und Tee, gemeinsames Singen, kurzer Vortrag über Advents- und Weihnachtsbräuche in deutschsprachigen Kulturen; Erinnerungen von Richard Eberhard – Advent und Weihnachten in einer oberländischen Familie

17. Dezember, 11 Uhr. Haus des Vereins der deutschen Minderheit „Tannen” in Osterode, ul. Herdera 7 – gemeinsames Backen nach deutschen Rezepten, Treffen bei Kaffee und Tee, kurzer Vortrag über Advents- und Weihnachtsbräuche in deutschsprachigen Kulturen; Erzählung von Pastor Waldemar Eggert – evangelische Kultur im Oberland.
Auftritt der jugendlichen Musikerinnen aus der Ukraine: Daryna Obloh (Klavier, Gesang) und Uljana Burkivchenko (Violine) – ukrainisches Weihnachtslied „Schtschedryk”.

Unser Projektpartner ist die Deutsche Gesellschaft „Tannen“ Osterode.

Wir laden Sie herzlich ein!